Köln | Die Metzgerei-Kette der Familien Katz-Rosenthal war Ende der 1920er Jahre eine gute Adresse. Sie war innovativ, freundlich, großzügig eingerichtet, das Angebot gut und preiswert. 1928 eröffnete sie in der Schildergasse das erste Selbstbedienungslokal.

Hier nahm 1928 die „Mausaffäre“ ihren Anfang – und die Hetze des Nazi-Blattes „Westdeutscher Beobachter“. Sein Buch „Ich halte Euch fest und ihr lasst mich nicht los!“ zeichnet jetzt diesen Skandal und das Schicksal einer jüdischen Kölner Familie nach.

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Autor ist der Sozialpädagoge Michael Vieten. Er bezog 2002 eine Wohnung in der Ehrenstraße 86, ein Altbau, der den Krieg überstanden hatte. Eine Nachbarin erzählte ihm, dass sich in diesem Haus eine Katz-Rosenthal-Metzgerei befunden habe und sich deren Besitzer 1933 hier erschossen habe.

Autor Michael Vieten lässt den Leser an seiner Forschung teilhaben

Das Interesse des damals 33-Jährigen war geweckt: Er wollte wissen, was es mit diesem Selbstmord eines jüdischen Metzgers auf sich hatte. Er machte sich auf die Suche, forschte in Archiven, fand schließlich sogar Überlebende der großen Familie, die heute in England, den USA und Südafrika lebt.

An dieser aufwändigen Suche lässt er den Leser seines Buches „Ich halte Euch fest und ihr lasst mich nicht los“ teilhaben. Beschreibt – nüchtern, aber fesselnd – alle seine Schritte, weckt so Neugier und erzeugt Spannung. Akribisch, detailreich, aber nie langweilig erzählt er die die Geschichte einer fest in der Kölner Gesellschaft integrierten, überaus erfolgreichen Familie. Sie steht hier stellvertretend für alle Juden, die zum Opfer der rassistischen Vernichtungspolitik der Nazis wurden.

In Kölns erstem Selbstbedienungslokal beginnt die „Maus-Affäre“

Mitarbeiterinnen der Metzgerei Carl Katz vor dem geschäft in der Severinstraße 18 (um 1924). © privat, Sammlung Familie Katz

Es war am 14. April 1928, als der Boxer Jacob Domgörgen (sein Bruder Hein war ebenfalls Boxer, neben Max Schmeling einer der besten deutschen seiner Zeit; der Maler Franz Seiwert hat ihn in einem Bild unter anderem mit dem damaligen OB Konrad Adenauer porträtiert) das Lokal in der Schildergasse besuchte und behauptete, in seinem Gulasch eine Maus gefunden zu haben. Was er später aber nicht beweisen konnte, es dürfte sich eher um eine bewusste Provokation gehandelt haben.

Er verlangte Schmerzensgeld und Schadensersatz, weil er am folgenden Wochenende wegen einer Magenstörung keinen Boxkampf habe bestreiten können. Schließlich habe man ihm und dem Freund, der ihn begleitet hatte, Schweigegeld angeboten.

Das Nazi-Blatt „Westdeutscher Beobachter“ übt antisemitische Hetze

Der „Westdeutsche Beobachter“ griff diese Geschichte auf, skandalisierte sie mehrfach unter Überschriften wie „Die Juden sind unser Unglück“ und erklärte sich zum Verteidiger der „deutschen“ Metzger, hetzerische rassistische Karikaturen begleiteten die Artikel. Es war gleichsam der „Probelauf“ für spätere antisemitische Kampagnen.

Trotz gerichtlichen Verbots berichtete die Zeitung weiter, heute würde man es Verbreitung von „Fake News“ nennen. Dieser Verstoß blieb folgenlos, wie sich die Justiz hier generell wenig engagiert zeigte. Eine Privatklage gegen den „Westdeutschen Beobachter“ auf Schadenersatz wurde abgewiesen, die Kosten musste Katz-Rosenthal zahlen. In der Begründung hieß es unter anderem, zwar sei die Berichterstattung geeignet gewesen, der Firma einen nachhaltigen Schaden zuzufügen, sie könne aber nicht als ehrverletzend empfunden werden. Außerdem hätte der Kläger nicht nachweisen können, dass Domgörgen falsch ausgesagt habe.

1933 wurden die Metzgereien und ihre Besitzer dann zu den prominenten Opfern des ersten Boykotts jüdischer Geschäfte: Ein Foto zeigt, wie Benno und Arnold Katz über die Straße getrieben wurden. Beide mussten ein Schild tragen: „Als Antwort auf die Greuelpropaganda kauft kein Deutscher mehr beim Juden!“ Auf perfide Art wurden die Opfer wurden zu Tätern gemacht.

Chronologisch aufgelistet: die systematische Entrechtung bis zum Holocaust

Boykott jüdischer Geschäft am 1. April 1933: SA treibt Benno Katz und seinen Sohn Arnold durch die Stadt. © privat, Arnold Helmut Katz, London.

Nach der ausführlichen Schilderung der „Maus-Affäre“ schildert Vieten – nach Jahreszahlen gegliedert – wie es den beiden Familien von 1934 bis 1945 erging. Mitzuerleben ist die allmähliche Entrechtung der deutschen Juden mit Enteignungen, Berufsverboten oder dem Ausschluss aus dem kulturellen Leben. Am Ende standen die Deportation aus Köln und die Ermordung in den Konzentrationslagern.

Vieten breitet ein vielfältiges Bild jüdischen Lebens aus, kann dabei auf zahlreiche Familienfotos und erhaltene Briefe zurückgreifen. Es sind oft bizarre Gleichzeitigkeiten, die er schildert. Einigen Familienmitgliedern gelang die Flucht ins Ausland, andere glaubten lange, dass alles nicht so schlimm werde – bis es für eine Flucht zu spät war. Im Schatten der drohenden Vernichtung wird geliebt, geheiratet und gestorben. Ein Stammbaum im Anhang hilft, die Übersicht zu behalten.

Es wird gestritten und zusammengerückt. Freunde entpuppen sich als Nazis, andere – auch Unbekannte – helfen. Da ist die Sorge um das Vermögen, dass zur legalen Emigration helfen kann – und von den Nazis als „Reichsfluchtsteuer“ beschlagnahmt wird. Schließlich das für einige vergebliche Warten auf eine Einreiseerlaubnis ins erhoffte Exil. Die Geschichte endet mit Kurzporträts der Familienmitglieder, die 1945 überlebt haben.

Michael Vieten: „Ich halte Euch fest und ihr lasst mich nicht los! – Katz-Rosenthal, Ehrenstraße 86, Köln“ – Verlag Hentrich & HentrichBerlin 2017. Text Deutsch und Englisch, gebunden, 280 Seiten. 24,90 Euro.

Autor: ehu
Foto: Die Geschichte der Kölner Metzgerei-Familie Katz-Rosenthal erscheint zum 80. Jahrestag der „Maus-Affäre“

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