V.l. Peter Krücker, Carmen Witte-Yüksel und Markus Nikolaus bei der heutigen Vorstellung des Jahresberichts der Caritas 2022. Foto: Grümer

Köln | Krisen über Krisen: Energiekrise. Klimakrise. Arbeitskräftemangel. All das sind Themen, mit denen sich der Kölner Caritasverband derzeit auseinandersetzt. Insbesondere der Mangel an Fachpersonal sei schwierig auszugleichen. Zudem mache das derzeitige negative Bild der katholischen Kirche in den Medien es dem Pflegeverband nicht leichter. Solche Herausforderungen führten bislang sogar dazu, dass der Caritasverband aufgrund von fehlender Refinanzierung Angebote aus dem Programm nehmen musste.

Der Pflegenotstand – immer aktuell

Viele Herausforderungen stehen dem Caritasverband bevor. Eine davon ist der aktuelle Pflegenotstand. Aber wie wird das aus Sicht der Caritas weitergehen? Wie sieht die Zukunft aus?

80 Jahre alt werden. Oder 90. Vielleicht sogar an die 100 kratzen. Das ist in der heutigen Zeit keine Ausnahme mehr. Das bedeutet allerdings auch neue Herausforderungen, wie die Pflegebedürftigkeit im hohen Alter. Konkret erklärte das heute Carmen Witte-Yüksel, Leitung des Innovationsmanagements bei der Kölner Caritas: „Es gibt immer mehr pflegebedürftige Menschen. Dadurch, dass die Boomer-Generation bald in Rente geht und wir immer weniger neue Fachkräfte einstellen können, bedeutet das konkret: Wir müssen mehr Menschen mit weniger Personal pflegen“.

Was bedeutet das konkret?

Um die Ausnahmesituation zu verdeutlichen, hat der Caritasverband dies in Zahlen und Fakten erklärt. Laut Witte-Yüksel fehlen in der stationären Pflege in Köln bis 2030 732 Plätze oder 9 zusätzliche Pflegeeinrichtungen. In der ambulanten Pflege fehlen bis 2030 zusätzlich 389 Pflegekräfte.

Wie wirkt sich der Notstand aus?

„Die Belastungen werden mehr, der Krankenstand erhöht sich und Pflegekräfte kündigen,“ erklärte Witte-Yüksel. Im letzten Jahr sah der Caritasverband sich gezwungen, eine Ambulante Pflegestation in Köln-Ehrenfeld zu schließen. Der Grund: Zu wenig Personal. Die gute Nachricht ist jedoch, dass im August ein neues Pflege-Quartierszentrum in Porz-Wahn eröffnen wird.

Die Herausforderungen bleiben jedoch bestehen: Die Caritas möchte an Strategien und Konzepten arbeiten, die diese zukünftige, zusätzliche Belastung erträglich macht.

Finanzen

Im Geschäftsjahr lag die Bilanzsumme der Caritas bei 103,2 Mio. Euro. 2022 stieg die Bilanzsumme aus 112,2 Mio. Euro. Laut Markus Nikolaus, Finanzvorstand der Caritas liege das im Wesentlichen an erhöhten Aktivierungen, der Erhöhung liquider Mittel, sowie der Zunahme aktivierungsfähiger Baumaßnahmen.

Das im Jahr 2007 beschlossene Investitionsprogramm umfasst insgesamt 73 Mio. Euro. Bis Ende 2022 wurden davon insgesamt etwa 65 Mio. Euro umgesetzt. Weiterhin plane der Caritasverband laut Nikolaus weitere Bauprojekte. Diese sind etwa ein Caritas Quartier in Köln-Ossendorf, sowie die Sanierung des Wohnhauses für Menschen mit Behinderung St. Christophorus. Für die kommenden 5 Jahre plane die Caritas derzeit in Investitionsvolumen von etwa 16 Mio. Euro.

Die Gesamtertragslage sei gegenüber dem Vorjahr von 121 Mio. Euro auf etwa 131,5 Mio. Euro gestiegen. Einen großen Anteil nehmen dabei die Erträge aus Leistungsabrechnungen mit einer Steigerung von rund 2 Mio. Euro ein und bilden mit 93,3 Mio. Euro den größten Anteil. Darin sind Erträge aus Pflege- und Betreuungsleistungen enthalten.

Neben der Steigerung der Erträge seien die Aufwendungen im Vergleich zum Vorjahr ebenfalls gestiegen. Den größten Anteil, mit einer prozentualen Steigerung von etwa 3,2 Prozent nehmen die Personalkosten in Höhe von 92,2 Mio. Euro ein.

„Insbesondere durch den Tarifabschluss, für den gerade eine Einigung erzielt wurde, werden die steigenden Personalkosten uns auch im kommenden Jahr beschäftigen,“ so Nikolaus.

Refinanzierung und Tarifabschlüsse

Ein zentrales Thema sei laut Peter Krücker, Sprecher des Caritas-Vorstands, die Refinanzierung von aktuellen Personal- und Sachkostensteigerungen bei den Diensten und Angeboten der freien Wohlfahrtsverbänden. Nur so könnten die Sozialdienste in Zukunft handlungsfähig bleiben und Menschen in Köln in Krisenzeiten unterstützen. Insbesondere, da etwa die Inflation derzeit die Menschen am härtesten treffe, die ohnehin schon mit wenig auskommen müssen.

Das zeige sich auch in den Beratungsdiensten der Caritas: Diese laufen momentan über. Dazu gehört etwa die Seniorenberatung, der Stromspar-Check oder die Beratung für Geflüchtete.

Der Tarifabschluss für den Öffentlichen Dienst ist abgeschlossen. Im Sommer soll der neue AVR-Caritas-Tarifabschluss folgen. Dieser orientiert sich am Öffentlichen Dienst. Krücker erwarte, dass der durchschnittliche Eigenanteil der Träger, wie dem Caritasverband, bei freiwilligen Leistungen vor diesem Hintergrund um mindestens 50 Prozent steige. Das könne Folgen mit sich bringen. Aufgrund der Entwicklung drohen, laut Krücker, Kürzungen von Angeboten und im schlimmsten Fall die Trägerinsolvenz.

Caritas für Klimaschutz

Krücker erklärte heute, dass der Caritasverband trotz vieler Herausforderungen weiterhin positiv in die Zukunft blicke. Und was die Zukunft birgt, das erfordere momentan insbesondere Klimaschutz. Daher habe sich die Caritas Köln dem Kilmaschutz verschrieben.

Die Gemeinwohl-Ökonomie sei ein nachhaltiges Wirtschaftsmodell, das zur Messung des nachhaltigen Unternehmungsergebnisses angewendet werden soll. Dazu wurde ein Jahr lang die Arbeit im Verband anhand der Werte Menschenwürde, Solidarität, Gerechtigkeit, Ökologische Nachhaltigkeit, Transparenz und Mitentscheidung analysiert. Derzeit werde die daraus entstandene Bilanz einer externen Auditierung unterzogen. Diese Bilanz soll im Sommer vorgestellt werden.