Köln | Im Gremberger Wäldchen in Köln befand sich in den Jahren 1942 bis 1945 das einzige Krankensammellager für Zwangsarbeiter im Rheinland. Das Krankensammellager für Zwangsarbeiter im Gremberger Wäldchen ist der Ort eines monströsen Kriegsverbrechens von Volkssturmmännern, Hitlerjugend und lokalen Kölner NSDAP-Funktionären zum Ende des Zweiten Weltkriegs.

Der Ort, der als „Sterbelager“ bezeichnet wurde, ist in der heutigen Stadtgesellschaft kaum bis gar nicht bekannt und nur wenig erforscht. Jetzt ist zu befürchten, dass der geplante achtspurige Ausbau der A4 am Kreuz Gremberg diesen Ort für immer zerstört und im schlimmsten Fall durch die Bauarbeiten die Totenruhe der Opfer, der dort verübten Kriegsverbrechen, stört.

Es ist der Bürger Tim Scheuch, der report-K auf den Konflikt und das Vergessen hinweist. Es geht um das ehemalige Krankensammellager für Zwangsarbeiter im Gremberger Wäldchen. Es liegt rund 2 bis 5 Meter von der Autobahn A4 entfernt neben der Brücke am Gremberger Ring, dort wo die Auffahrt vom Kreuz Gremberg auf die A4 in Richtung Süden trifft.

Rechts neben der Autobahn A4, hier mit Blick in Richtung Süden, liegt der Bereich des ehemaligen Krankensammellagers im Gremberger Wäldchen.


Für Nichtinformierte und Außenstehende ist der Bereich nicht zu erkennen. Wald, eine mit Gras bewachsene Schneise und ein geschotterter Weg für Radfahrer und Jogger befinden sich dort heute. Der geschotterte Weg ist neueren Datums und führt mitten und rücksichtslos gebaut durch das ehemalige Barackenlager, von dem oberirdisch nichts mehr zu erkennen ist.


Es ist Fakt und bewiesen, dass sich hier in Köln das einzige Krankensammellager für Zwangsarbeiter im Rheinland befand, in dem 71 Kinder geboren und Menschen mit hochinfektiösen Krankheiten isoliert wurden und starben. Hier ist vor allem dem NS-Dokumentationszentrum zu danken. Die ehemalige stellvertretende Amtsleiterin Dr. Karola Fings machte Matthias Lammers auf das Krankensammellager aufmerksam. Der wertete die zugänglichen Urkunden und Dokumente für seine Masterarbeit „Gefangen im ‚Wäldchen‘“ aus. Es ist die erste und bisher einzige wissenschaftliche Arbeit, die sich mit dem Themenkomplex des Kölner Krankensammellagers auseinandersetzt. Engagierte Bürger wie Gebhard Aders und Fritz Bilz beschäftigten sich ebenfalls mit dem Krankensammellager und der dort verübten Verbrechen.

Dort wo einst das Lager stand führt jetzt mittendurch ein frisch geschotterter Weg, weiter hinten links ist eine Schneise zu sehen.


Schon der Bau des geschotterten Weges durch die Stadt Köln zeugt nicht von Sensibilität dem Ort gegenüber. Wird die A4 ausgebaut und rollen die Bagger an, ist durch Bauarbeiten und die Verbreiterung der Fahrbahn oder den Neubau der Brücke Gremberger Ring der Ort massiv gefährdet. Dabei ist aktuell offen was die Autobahn GmbH dort überhaupt plant. Der Bundesverkehrswegeplan will den achtspurigen Ausbau ab Kreuz Gremberg und, dass die Brücke Gremberger Ring als Bauwerk 10 mit zu planen sei. Ob dies so kommt scheint aber nach Nachfragen von report-K derzeit noch offen. In den Unterlagen der Autobahn GmbH, die den Ausbau plant, ist der Ort des ehemaligen Krankensammellagers nicht vermerkt. Er ist von der Stadt Köln nicht als Bodendenkmal ausgewiesen. Dazu schreibt die stellvertretende Pressesprecherin der Stadt Köln Simone Winkelhoog auf Anfrage von report-K: „Die Existenz des Lagers und dessen unheilvolle Geschichte sind im Ortsarchiv des Römisch-Germanischen Museums bekannt. Da es unter Wald liegt, ist es vor Überbauung/Überplanung geschützt. Da die genaue Abgrenzung bislang nicht möglich ist, ist die Fläche nicht als Bodendenkmal eingetragen. Hierfür wären entsprechende Quellenrecherchen und Bestandserkundungen erforderlich.“

Menschen werfen ihren Müll ab oder verrichten ihre Notdurft auf oder nahe des ehemaligen Krankensammellagers.


Der Ort heute


Der Ort, an dem sich das ehemalige Krankensammellager im Gremberger Wäldchen befand, ist heute laut und ruhig zugleich. Wer den Wald von der Straße aus auf dem neu angelegten und frisch geschotterten Fuß- und Radweg betritt, hört die beständige Lärmkulisse der vielbefahrenen A4 wie weißes Rauschen. Dieses wird überlagert von Vogelgezwitscher. Ab und an ist das Knirschen von Sportschuhen auf dem Schotterweg, wenn eine Jogger*in vorbeitrabt oder das Geräusch von rollenden Fahrradreifen zu hören. Hundebesitzer gehen mit ihren Vierbeinern Gassi. Dass der ehemalige Lagerkomplex durch Wald geschützt ist kann vor Ort schon nicht mehr nachvollzogen werden, denn der Weg ist neu angelegt und führt mitten durch das Lager. Ein Hinweis auf das Lager findet sich an keiner Stelle hier. Zwar sind rostige Metallplatten neu aufgestellt worden, aber sonst kein Hinweis. Diese sollen auf Initiative der Försterei aufgestellt worden sein und später einmal Informationen auf Fauna und Flora sowie das Krankensammellager geben. Am ehemaligen Lagereingang kippte jemand seinen Fliesenmüll ab und auf dem ehemaligen Lagergelände liegen entsorgte Autoreifen und Menschen verrichten dort ihre Notdurft.


Der Ort 1942 bis 1945


Nüchtern formuliert hat sich hier ein monströses Kriegsverbrechen ereignet. Menschen wurden aus ihrer Heimat verschleppt, mussten sich in Kölner Unternehmen zu Tode arbeiten und starben hier im Gremberger Wäldchen, wenn sie unheilbar krank, hochinfektiös oder schwanger waren. Auf Luftbildaufnahmen lag das Lager direkt neben der A4, allerdings offen und für jeden einsehbar, denn Wald und Schutzwall fehlten. Auch wenn wesentlich weniger Verkehr herrschte, der Lärm dürfte damals schon zu hören gewesen sein. Aber auch Schreie. Die Schreie der Zwangsarbeiterinnen, die hier 71 Kinder gebaren. Das Krankensammellager wurde Sterbeort für Menschen mit hochinfektiösen Krankheiten wie Tuberkulose. Sie wurden im hinteren Teil des Lagers isoliert.

Matthias Lammers spricht von einem Sterbelager, denn mindestens 60 Prozent der Eingelieferten starben. Sie hauchten isoliert und fern ihrer Liebsten und Heimat ihr Leben aus. Verscharrt auf dem Slawenfeld im Westfriedhof. Sie sind den Kölner Bombennächten, dem Lärm der Detonationen, der Fliegenden Festungen schutzlos ausgeliefert. Leid und Tod sind zu dieser Zeit Alltag im Krankensammellager Gremberger Wäldchen. Ab 6. März 1945 stehen die Amerikaner auf der linken Rheinseite und dürften das rechtsrheinische Köln beschossen haben. Auch dies dürften die Insassen des Krankensammellagers schutzlos miterlebt haben. Und das Leiden der Menschen im Krankensammellager geht mehr als einen Monat bis zu ihrer Befreiung am 12. April 1945 weiter, es steht ihnen sogar noch der schlimmste Tag bevor.


Es ist der 8. April 1945 genau einen Monat vor Kriegsende. An diesem Tag findet im Gremberger Wäldchen ein monströses Kriegsverbrechen statt, verübt von Volksturmmännern, Hitlerjugend und lokalen NSDAP-Funktionären. Sie rücken gegen das Krankensammellager vor, sollen es räumen, kurz bevor die amerikanischen Truppen es erreichen. Schüsse fallen und es wird wahllos in die Fenster des Lagers von außen geschossen. Die Angstschreie der Insassen dürften durch das Gremberger Wäldchen gellen.

Der Mob hat Stroh und Brandbeschleuniger dabei und zündet dieses unter den Krankenlagern an. Menschen dürften schreiend bei lebendigem Leib verbrannt sein. Ein Kriegsverbrechen mitten in Köln. Wie viele Menschen starben bei der Räumung, wo sind ihre Leichen begraben? Garantiert nicht auf dem Westfriedhof, da es keine Brücken mehr gab und auf der anderen Rheinseite der Feind, die Amerikaner standen. Sind Opfer auf dem im Volksmund „Russenfriedhof“ genannten und mit einem Jägerzaun umrundeten Feld begraben? Dort steht ein Findling mit einer Aufschrift in kyrillischer Schrift? Wurden sie einfach im Gremberger Wäldchen oder dem Gelände des Krankensammellagers in einem Bombentrichter verscharrt?

Wenige Meter entfernt liegt im Gremberger Wäldchen der sogenannte „Russenfriedhof“, der umzäunt ist und an den erinnert wird.
Der Findling mit der kyrillischen Aufschrift.


Das Morgen


Um das Jahr 2030 sollen – geht es nach dem Bundesverkehrswegeplan – Bagger und Baumaschinen anrücken und sie werden dort, wo sich das Lager einst befand, Erde ausheben und das Gelände durchpflügen, um für die Verbreiterung der A4 zu sorgen. Baulärm an einem Ort der Ruhe – der Totenruhe? Werden die Bauarbeiten der Autobahn GmbH, die Totenruhe von Menschen stören, die in Köln einem Kriegsverbrechen und Gräueln ausgesetzt waren, für die nie jemand sühnte? Eine erste Forderung an die Kölner Politik muss sein, dass sie dieses Thema dringlichst aufgreift, sich dessen annimmt und verhindert, dass der Ort eines solch monströsen Kriegsverbrechens nach dem Vergessen auch noch einfach weggebaggert wird.

Diese noch unbeschrifteten Stahlplatten ließ die Stadt Köln aufstellen.