Das Pressefoto zeigt Neshe Demir im TV-Märchen „Der Geist im Glas“. | Foto: Radio Bremen/Michael Ihle

„Märchen als Kontrastprogramm zur heutigen schnelllebigen Zeit“

Von Stephan Eppinger

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Köln | Am 25. Dezember zeigt die ARD um 14.15 Uhr das Weihnachtsmärchen „Der Geist im Glas“. Im neuen Fernsehfilm spielt die Kölner Schauspielerin Neshe Demir die Kräuterfrau Eda. Im Interview mit der Internetzeitung report-K spricht sie über die Bedeutung von alten Märchen in der heutigen Zeit und über ihre Rolle im Märchenfilm.

Welche Beziehung haben Sie selbst zu Märchen?

Neshe Demir: Damit bin ich wie viele andere Menschen auch als Kind in Berührung gekommen. Mein Lieblingsmärchen war die „kleine Meerjungfrau“. Beeindruckt hat mich als Kind aber auch „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ – das hat mich damals sehr mitgenommen. Ich habe als Erwachsene ein Experiment gemacht und vor dem Schlafen immer ein Märchen gelesen. Ich wollte wissen, was so eine Geschichte mit meinen Träumen macht. Das waren zum Beispiel die Märchen der Eskimos, die ganz anders sind als unsere Märchen. Es gibt andere Tiere, die in den schlichten Geschichten eine Rolle spielen. Da geht es zum Beispiel um einen Wurm, der auf der Erde kriechen muss und der viel lieber als Vogel am Himmel fliegen würde. Dann verwandelt er sich in einen Vogel und fühlt sich dabei der Erde so fern. Deshalb verwandelt er sich wieder und wird zu einem Fisch im Meer. Doch dort leidet er aber unter der Einsamkeit. Die Botschaft bei diesen stark von der Natur geprägten Geschichten ist, dass jedes Wesen sein eigenes Reich und seine eigenen Sorgen hat. Das habe ich im Traum für mich entdeckt.

Wie wichtig sind Märchen?

Demir: Märchen sind sehr wichtig, da sie komplexe Dinge einfach und verständlich erzählen können. Mittels der im Märchen verwendeten Symbole werden diese zugänglich gemacht. So kann man sehr traurige Geschichten trotzdem schön erzählen. In unserer heutigen schnelllebigen und hektischen Zeit sind Märchen wie ein Kontrastprogramm, das auch Erwachsenen helfen kann, sich selbst besser zu verstehen. Da gibt es zum Beispiel den Frosch, der der Prinzessin ihre goldene Kugel aus dem Brunnen holt und dafür einen Kuss von ihr einfordert. Die Botschaft ist, dass auch positive Dinge mit Bedingungen verknüpft sind und dass man sein gegebenes Wort halten muss. So werden komplexe Sachverhalte wie Schuld und Verantwortung einfach und nachvollziehbar dargestellt. Das macht den Reiz und die Bedeutung von Märchen aus. Es ist zudem wichtig, einmal Märchen aus anderen Ländern und Kulturen zu lesen. Sie bieten eine andere Sichtweise und dienen dazu Kulturgut zu transportieren. Hawaiianische Märchen erzählen zum Beispiel oft vom Mond. Spannend sind auch arabische oder französische Märchen. Ihnen allen gemeinsam ist, dass sie die gleichen, ganz zentralen Themen des Lebens behandeln und zu den Menschen transportieren.

Warum geht es beim Märchen „Der Geist im Glas“, der jetzt verfilmt wurde?

Demir: Das ist ein kleines Märchen, dass ich selbst nicht gekannt habe. Der Film hat das alte Märchen ganz neu interpretiert und in Szene gesetzt. Die zentrale Botschaft ist, dass, wenn man Fehler gemacht hat, nicht den Mut und das Selbstbewusstsein verlieren darf, Dinge wieder zu versuchen und so aus den Fehlern zu lernen. Denn nur so kann man es bei einem neuen Versuch besser machen. Im Märchen ist es die von mir gespielte Kräuterfrau Eda, die den Geist Mercurius ins Glas verbannt. Beim Zaubern verwendet sie von einem Kraut zu viel und ihr Elixier wird so stark, dass es ihr Bruder bei der Anwendung am Bein verletzt wird. Jetzt hat sie Angst neue Fehler zu machen. Aber sie muss begreifen, dass man es nur besser machen kann, wenn man aus seinen Fehlern lernt. Dazu braucht es List, Klugheit und Selbstbewusstsein.

Wie waren die Dreharbeiten?

Demir: Es waren sehr viele Kulturen und Nationen beim Drehen dabei. Das gilt auch für die Komparsen, die aus den verschiedensten Ländern kamen. So eine Diversität hat dem Märchen sehr gutgetan. Und das im Märchen behandelte Thema ist etwas, das alle Menschen ganz unabhängig von ihrer Herkunft betrifft. So waren die Dreharbeiten für mich wie ein Spaziergang auf einem bunten Jahrmarkt.

Was hat Sie an Ihrer Rolle als Kräuterfrau Eda gereizt?

Demir: Eda ist im Ursprungsmärchen eine Kräuterfrau und eine Hexe. Ich habe sie eher als weise Schamanin angelegt. Sie ist gutmütig und setzt ihren Zauber dazu ein, Menschen zu heilen oder gegen das Böse zu kämpfen. Sie muss aber ihre Ängste vor möglichen Fehlern überwinden, um ihre Aufgaben erfüllen zu können.

Das Märchen ist ein Weihnachtsfilm – schauen Sie selbst solche Filme an den Feiertagen?

Demir: Weihnachten ist für mich eine sehr besinnliche, spirituelle Zeit. Dazu gehören die Weihnachtsfilme unbedingt. Dort geht es friedlich zu und die positiven Dinge werden hervorgehoben. Das passt gut zu dieser Zeit. Für mich gehört ein Märchenfilm wie „Aschenputtel“ immer zu den Feiertagen. Schön ist auch, dass sich durch solche Filme alles verlangsamt und man selbst zur Ruhe kommt.

Sie kommen aus Bayern, welche Beziehung haben Sie zu Ihrer Wahlheimat Köln?

Demir: Ich bin im Allgäu aufgewachsen und lebe inzwischen seit zwölf Jahren in Köln. Das ist eine sehr freie und offene Stadt, die für mich wirklich zur Heimat geworden ist. Ich mag die rheinische Frohnatur, auch wenn ich mit dem Karneval eher wenig anfangen kann. Schön finde ich, dass hier so viele Kulturen friedlich zusammenleben. In Köln bekommt im Alltag jeder seinen Platz.

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