Hamburg/Köln | Sie ist die Stadtgründerin Kölns, Händel schrieb eine Oper über sie, mit der in Hamburg nun triumphal die Corona-Zeit endet: Agrippina begeistert.

Sie ist eine der wohl interessantesten Frauen der Antike, ehrgeizig, machtbewusst, machtbesessen, tragisch.

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Iulia Agrippina (= Agrippina die Jüngere) wurde 15 nach Christus in Oppidum Ubiorum geboren; ihrem Geburtsort verhalf sie 50 nach Christus als Frau des römischen Kaisers Claudius zur Aufwertung zu einer Colonia, deren Einwohner das volle römische Bürgerrecht besaßen, und der von nun an als Colonia Claudia Ara Agrippinensium (CCAA) auch ihren Namen tragen sollte. Köln schreibt sich das Millionendorf offiziell erst seit 1919.

Auch Händels gleichnamige Oper ist gleichsam eine deutsch-italienische Co-Produktion: deutscher Komponist, italienischer Librettist.

„Agrippina“ wurde 1709 in Venedig uraufgeführt, zu diesem Zeitpunkt so etwas wie die europäische Entertainment-Metropole mit privaten Theatern, Glücksspiel, anderen Vergnügungen und dem berühmten Carnevale.

Eine Besonderheit: Das Textbuch stammt von einem waschechten Kardinal (Vincenzo Grimani), dessen Familie, wie praktisch, auch eines der wichtigsten Privattheater von Venedig gehörte.

Hier, im Teatro Malibran (früher: Teatro San Giovanni Grisostomo), das für das europäische Operngeschehen im 17. und 18. Jahrhundert vor großer Bedeutung war (und noch heute existiert), feierte es triumphale Uraufführung.

Für den Kardinal, Gegner des damals amtierenden Papstes, war der plot auch die Möglichkeit, die Zustände im Vatikan darzustellen. Zwar ist die Handlung mit ihren Intrigen und Winkelzügen am römischen Kaiserhof angesiedelt und Agrippina versucht mit allen Mitteln, ihren Sohn Nero zum Kaiser zu machen, doch das Publikum verstand, was eigentlich gemeint war.

„Agrippina“, mit einem Star-Ensemble, darunter der damals weltberühmte Kastrat Pellegrini, uraufgeführt, war ein durchschlagender Erfolg. Es war die erste Auftragsoper des noch jungen Barock-Komponisten aus Halle und sollte sein Durchbruch als (Opern-)Komponist werden. Und es war der Beginn der großen Karriere des Georg Friedrich Händel (1685 – 1759), die den Sachsen darauf nach London und zu europäischer Berühmtheit führte.

Auch die gegenwärtig in Hamburg zu sehende „Agrippina“-Inszenierung ist ein gleichsam europäisches Gemeinschaftsprojekt, eine Koproduktion der Staatsoper Hamburg mit der Bayerischen Staatsoper München, dem Royal Opera House Convent Garden London und De Nationale Opera Amsterdam.

In Hamburg beginnt mit „Agrippina“ nach monatelanger Schließung wieder das Opernleben vor und mit Publikum.

Für die Inszenierung zeichnet der international gefeierte (Noch-)Intendant der Berliner Komischen Oper, Barrie Kosky, verantwortlich, für das Dirigat der Italiener Riccardo Minasi (mit dem auch das Concerto Köln schon einmal zusammen arbeitete). Die Rolle der Agrippina singt die Italienerin Anna Bonitatibus, ihren pubertierenden Sohn Nero der argentinische Countertenor Franco Fiagioli, der 2010 auch schon einmal in der Monteverdi-Oper „Krönung der Poppea“ an der Oper Köln zu sehen war.

Die Kritik überschlägt sich: „Agrippina ist das Beste, was die Hansestadt seit langem sehen durfte“, schreibt die F.A.Z. und die Süddeutsche Zeitung berichtet: „Agrippina wird in der Hamburger Staatsoper frenetisch gefeiert“.

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Eindrücke

Staatsoper Hamburg-Chefdramaturg Johannes Blum

https://www.staatsoper-hamburg.de/de/spielplan/stueck.php?AuffNr=169944

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Die Kritik

FAZ

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buehne-und-konzert/grandiose-agrippina-premiere-in-hamburger-staatsoper-17365813.html

Süddeutsche Zeitung

https://www.sueddeutsche.de/kultur/oper-hamburg-staatsoper-premiere-haendel-agrippina-1.5310507

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Literaturhinweis

Gerade erschienen:

Philippe Monnier

Venedig im 18. Jahrhundert

Die Andere Bibliothek

44,– Euro

Mehr von Barrie Kosky:

Offenbach: Orpheus in der Unterwelt

Berlin: Komische Oper

Premiere (angekündigt): 05.06.2021

Autor: Von Christoph Mohr

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