Essen | Stellenabbau bei ThyssenKrupp: Deutschlands größter Stahlproduzent will bis 2015 mehr als 2.000 der derzeit rund 27.600 Stellen in seinem europäischen Stahlgeschäft streichen. Allerdings soll der Stellenabbau sozialverträglich erfolgen, wie der Konzern am Freitag mitteilte.

Lesen Sie auch die Reportage in der Wissensbox: 40 Jahre „Schwarzer Riese“ – der einstmals größte Hochofen der westlichen Welt von Thyssen Krupp feiert Jubiläum

Durch Verkäufe von Firmenteilen könne sich die Belegschaftszahl darüber hinaus um weitere 1.800 Mitarbeiter reduzieren, hieß es in Essen. Die Maßnahmen würden derzeit mit den Arbeitnehmervertretern besprochen.

Werbung

Der Konzern betonte, angesichts des äußerst schwierigen Marktumfelds seien „einschneidende strukturelle Anpassungen und operative Verbesserungen zwingend erforderlich“. Dabei würden auch „die Stilllegung, die Verlagerung oder der Verkauf von Geschäftseinheiten und Anlagen geprüft“.

Davon betroffen seien die Bandbeschichtungsanlage 1 in Duisburg-Beeckerwerth, eine der beiden elektrolytischen Beschichtungsanlagen im Werk Dortmund, das Kaltwalz- und Beschichtungswerk in Neuwied, die kornorientierten Elektroband-Produkte von ThyssenKrupp Electrical Steel und die Feuerverzinkungslinie von ThyssenKrupp Galmed in Spanien, erklärte der Konzern. Auch in den Verwaltungsbereichen der Duisburger Zentrale von Steel Europe soll es Stellenstreichungen geben.

Mit dem Personalabbau will der zuletzt mit tiefroten Zahlen kämpfende Konzern seine Wettbewerbsfähigkeit erhöhen. Insgesamt will die Stahlsparte in den nächsten drei Jahren mit dem Optimierungsprogramm „Best in Class – reloaded“ (BiC) rund 500 Millionen Euro einsparen.

Das europäische Stahlgeschäft des Konzerns leidet zurzeit unter der Konjunkturkrise in weiten Teilen des Kontinents. Zwar schrieb die Sparte auch im vergangenen Jahr im Gegensatz zu vielen Konkurrenten noch schwarze Zahlen, doch fiel er zu gering aus, um die Kapitalkosten zu decken.

— — — — — —

WISSENSBOX

Duisburgs „Schwarzer Riese“ wird 40 – Hochofen Schwelgern 1 hat alle Stahlkrisen der vergangenen Jahrzehnte überlebt – Bei seiner Einweihung 1973 galt er als der größte Hochofen der westlichen Welt

Jubiläum im Ruhrgebiet: Duisburgs „Schwarzer Riese“ wird in der kommenden Woche 40. Mit einer Höhe von 110 Metern prägt der Hochofen Schwelgern 1 seit seiner Inbetriebnahme am 13. Februar 1973 die Silhouette von Duisburg-Marxloh. Damals galt er als der größte Hochofen der westlichen Welt. Heute ist er ein Überlebender einer Zeit, als die Welt für die Stahlkocher noch in Ordnung schien. In die Vorbereitung zum Jubiläum platzt dei schlechte Nachricht des Betreiberkonzerns.

Für den Stahlkonzern Thyssen war der Bau des Hochofens ein Sprung in eine neue Dimension. Auf 17,5 Hektar Land – der Fläche von fast 25 Fußballfeldern – wurden beim Bau der Anlage 70.000 Kubikmeter Beton und 38.000 Tonnen Stahl verbaut.

Seit der Inbetriebnahme verarbeitet der Hochofen Tag für Tag rund 20 Güterzuge á 20 Waggons mit Erz, Sinter, Koks und Kohle und produzierte so bis heute über 115 Millionen Tonnen Roheisen.

Dass bei der Konstruktion Neuland betreten wurde, merkten allerdings auch die Anwohner. Nach dem Anblasen häuften sich die Bürgerproteste. „Rettet Marxloh“ oder „Wehrt Euch, bevor wir im Lärm, Schmutz und Gestank ersticken“, hieß es damals auf Plakaten an den Hauswänden.

Eine Anwohnerin klagte damals im Fernsehen über den „Schwarzen Riesen“: „Seitdem der im Gange ist, kann man es hier nicht mehr aushalten. An jedem Abend den Krach, den Dreck. Man muss ewig bloß putzen und fegen.“

Die Ingenieure hatten offenbar die Emissionen der Anlage unterschätzt. Kurze Zeit drohte dem Hochofen deshalb sogar die Stilllegung durch die Gewerbeaufsicht. Doch konnte Thyssen die Probleme mit Nachbesserungen doch noch aus der Welt schaffen.

Erst vor fünf Jahren wurde der Hochofen modernisiert

Der Grund für den Bau des Hochofens war der Stahlboom Ende der 60er Jahre. Im Jahr nach der Inbetriebnahme stieg die Rohstahlproduktion in der Bundesrepublik auf den seitdem nie wieder erreichten Rekord von 53 Millionen Tonnen. Der Bau sei ein Beweis für das Vertrauen des Unternehmens in die Zukunftschancen der Eisen- und Stahlerzeugung an Rhein und Ruhr, sagte Hüttendirektor Hermann Brandi bei der Einweihung.

Doch die Hoffnungen auf goldene Zeiten für die Branche platzten wenige Jahre später in der Stahlkrise der 70er Jahre. Die zunehmende internationale Konkurrenz besonders auf dem Gebiet des Massenstahls wurde zum Auslöser für einen dramatischen Konzentrationsprozess in der deutschen Stahlindustrie.

Seit der Inbetriebnahme von Schwelgern 1 sank die Zahl der Beschäftigten in der Stahlindustrie von knapp 350.000 auf 91.000. Zahlreiche Stahlwerke wie die Phönix-Hütte von Hoesch in Dortmund, die Henrichshütte von Thyssen in Hattingen oder das Krupp-Hüttenwerk in Rheinhausen wurden geschlossen. Die einst rivalisierenden Stahlriesen Thyssen, Krupp und Hoesch sind nach schwierigen Übernahmekämpfen längst unter dem Dach von ThyssenKrupp vereint.

Der „Schwarze Riese“ von Duisburg hat die Stürme der vergangenen Jahrzehnte jedoch unbeschadet überstanden. Erst 2008 wurde er gründlich modernisiert. Die Renovierungsarbeiten kosteten rund 150 Millionen Euro. Der Neubau hatte 1973 nur 25 Millionen Euro mehr gekostet.

Autor: Erich Reimann, dapd | Foto: Torsten Silz/dapd
Foto: Die alte Kokerei von ThyssenKrupp in Duisburg (Foto vom 14.03.03). Jubilaeum im Ruhrgebiet: Duisburgs „Schwarzer Riese“ wird 40 in einer Zeit in der der Stahlkonzern die Entlassung von 2.000 Mitarbeitern bekannt geben muss.

Werbung