Köln | Premierenkritik | Normalerweise hält der Jeck der Politik oder der Stadtgesellschaft den Spiegel vor. Jetzt hält das Kölner Schauspiel dem Mainstream Karneval, ob im Saal oder auf der Straße den Spiegel vor. Nichts Neues sagen Sie, machen Stunker oder Fatal Banal ja auch schon seit Jahren? Nicht ganz. Das Stück „Die fünfte Jahreszeit – Ein Abend von und mit Rainald Grebe und vielen Jecken“ spielt in einem Strang und nicht nur kleinen Versatzstücken und spiegelt eine weitere Dimension in der Frage nach dem Begriff „Heimat“. Die Inszenierung ist aber alles andere als trocken, sondern macht richtig viel Spaß, inklusive Karnevalslieder singen – nur Schunkeln hat sich keiner getraut.

In der ehemaligen Industriehalle im Depot 1 an der Schanzenstraße in Köln Mülheim, stehen leere Tischreihen mit Luftschlangen und den Standard-Event-Mietstühlen. Die Bühne vor dem Elferrat abgebaut, nur noch die Treppenstufen sind vorhanden, links klassisch die Karnevalskapelle. Darüber das Wort „Zokunf“ oder wahlweise Videoeinspieler, die das echte Karnevalsgeschehen dokumentieren. Auf der rechten Seite der Bühne ein Totenschädel und mehrere Dixieklos. Es gibt Straßenkarnevalsjecke, die sich, singt ein anderer Jeck „es ist noch Suppe da…“ übergeben müssen oder monoton „Köln ist ein Jeföhl… ein Jeföhl… sprechen“. So startet das Ensemble in eine rasante Show über das Phänomen Karneval in Köln und meint damit klassischen Sitzungskarneval, Kirche und Straßenkarneval. Der alternative Karneval bleibt interessanterweise unberührt. Dabei pflügt das Stück nicht oberflächlich durch alle gängigen Klischees, ohne die man natürlich auch nicht auskommt, sondern schürft tief und mit Kennerblick.

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Aber lassen wir die Macher einmal selbst zu Wort kommen: „Welche Stadt besäuft und spiegelt sich so gern selbst wie Köln? Mir fällt keine ein. Obwohl ich hier geboren und in Frechen aufgewachsen bin, ist mir Köln beides: vertraut und fremd. Vielleicht ist so ein fremder Blick ganz gut, um dieses Phänomen Karneval zu beschreiben. Als ich hier wegging, lebte Willy Millowitsch noch, war Tommy Engel noch bei den Bläck Fööss, und vor dem Hauptbahnhof gab es Rievkooche. Was hat sich verändert in dieser Stadt? Was ist aus meinen Karnevalshelden der 80er Jahre geworden? Wir besuchen Protagonisten des Karnevals von früher und heute, treffen Menschen, die den Karneval leben, lieben, hassen, versuchen, das Herz von Köln zu finden und den Karneval in allen Facetten und Widersprüchen auf die Bühne zu bringen. Mal schaun, wie weit wir kommen. Alaaf Alaaf.“

Bürgermeisterin Elfi Scho-Antwerpes fasste ihre Eindrücke nach der Uraufführung mit den Worten „jod jelunge“ zusammen. Ein Lob aus berufenen Mund, denn Scho-Antwerpes, sitzt nicht in wenigen Sitzungen und engagiert sich darüber hinaus im Straßenkarneval in der Aktion „Keine Kurzen für Kurze“. Dass das Stück auch die Kehrseite des Karnevals nicht ausließ, die betrunkenen Jugendlichen thematisierte, habe ihr gut gefallen, sagte sie report-k.de. Das positive Lebensgefühl, das gemeinsame Singen von Liedern, sei aber gut transportiert worden.

Am Ende ist die Bühne Karneval abgeräumt, wir wissen was der Nubbel alles Schuld ist, das die Kirche mitschunkelt, wie das Dreigestirn agiert und sogar Kamelle schmeißt, wie Multikulti mit nur einem kölschen Mädchen die Jecken- und Schauspielerschar ist, wo man in einer kölschen Karnevalskneipe überall sexuell interagieren kann, wie ein Marsmännchenbüttenredner „Ich bin ene Räuber neu interpretiert und ein Kirchenchor „Viva Colonia“ singt. Rainald Grebe bricht mehrfach mit persönlichen Interventionen das Stück, etwa als Reinhard von Dassel und Liedern zu Frechen und am Ende mit der Frage „Was und Wo ist Heimat“. Damit gibt Grebe, der 1971 in Köln geboren wurde und heute als Liedermacher, Schauspieler, Autor und Kabarettist arbeitet eine weitere Dimension. Das Fazit der report-k.de Redaktion: Absolut sehenswert.


Vorstellungen im Depot 1:
Di. 25.03.2014, 19.30 Uhr
Fr. 28.03.2014, 19.30 Uhr
Mi. 23.04.2014, 19.30 Uhr
Sa. 26.04.2014, 19.30 Uhr

Autor: Andi Goral

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