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„Lumpenball“: Marina Barth setzt „Hänneschen“-Puppenspielerin Fanny Meyer ein literarisches Denkmal

Köln | Fanny Meyer ist eine reale Person. Sie war Mitglied im „Hänneschen Ensemble“, 1935 wurde ihr als Jüdin gekündigt. Was aus ihr nach 1937 wurde, war lange unbekannt. Erst durch die gründlichen Recherchen von Marina Barth weiß man mehr. Mit der semi-fiktiven Biographie „Lumpenball“ setzt sie ihr jetzt ein spätes Denkmal.

Schon 1933 – direkt nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten – meldete das „Hänneschen-Theater“ seine Mitarbeiterin als Jüdin, 1935 folgte die Entlassung. „Lumpenball“ schildert in mitreißender Komposition, wie die Puppenspielerin die politischen Wirren vor 1933 und die Jahre in Köln mit ihrer Familie bis zu ihrer Deportation erlebt. Einfühlsam beschreibt sie Fanny Kellers Gefühle bis zur Liebe ihres kurzen Lebens. Dabei gesellt sie ihr einen engen Freund zu, der sich durch seine stets treffenden Heine-Zitate auszeichnet.

Schrittweise wurden die Juden aus der Gesellschaft ausgeschlossen

Schlüssig und flüssig geschrieben, könnte man das Buch in einem Rutsch lesen. Doch bleibt man immer wieder stocken, wenn man quasi nebenbei die allmähliche Entrechtung der Juden im Zuge der „Nürnberger Gesetze“ mitbekommt. Vom Berufsverbot über das Verbot, „arische“ Geschäfte zu besuchen, der Ausschluss vom Lebensmittelkarten-Bezug, die Gesetze, die die Abgabe von Radios, Telefonen, Fahrrädern und Kleidung erzwangen. Nicht zu vergessen der Einzug des Vermögens und die Einführung der „Reichsfluchtsteuer“, die Juden bezahlen mussten, wenn sie endlich einen Platz im Exil gefunden hatten.

Wie langjährige beste Freundinnen sich über Nacht von ihr abwenden, wie Nachbarn die plötzlich (?) zu Antisemiten werden und sich am Besitz der Deportierten bereichern. Wie das alles in Köln ohne Protest – schon gar nicht durch öffentlichen – schleichend akzeptiert und goutiert wird. Erträglich wird die Lektüre an diesen Stellen nur durch den kommentierenden Sarkasmus, für den die Autorin als Chefin des Kabaretts „Klüngelpütz-Theaters“ bekannt ist und den sie hier Fanny Keller ausleiht.

Erst die neue Theaterchefin holte Fanny Meyer aus der Vergessenheit

Noch vor wenigen Jahren wusste man selbst im NS-Dokumentationszentrum nicht, was nach 1937 aus Fanny Meyer geworden war. Im Hänneschen-Theater waren die Umstände ihres „Ausscheidens“ bekannt, jedoch für die Nachkriegsintendanten keine selbstkritische Stellungnahme wert. Erst Frauke Kemmerling, seit 2012 Chefin am Eisenmarkt, holte die Puppenspielerin durch einen Beitrag im Buch zum 200. Geburtstag des Theaters wieder ins Gedächtnis zurück.

Durch ihre Mitarbeit im Jahr 2014 am Hänneschen-Theater wurde Marina Barth auf Fanny Keller aufmerksam. Das Loch des Nichtwissens weckte ihr Interesse, sie begann – notgedrungen – lange und gründlich zu recherchieren. Dank ihr wissen wir zum Beispiel, dass Fanny Keller 1938 heiratete, dass das Ehepaar 1942 deportiert und höchstwahrscheinlich in Auschwitz ermordet wurden.

Der institutionelle Antisemitismus reicht bis in die 1960er Jahre

Im Nachwort zählt Barth nicht nur genau auf, was sie – immer stimmig – erfunden hat. Sondern auch, was sie über die Familie Meyer vor und nach 1945 herausgefunden hat, Lücken werden nicht verschwiegen. Dabei stieß sie auf manchen Skandal. Etwa dass noch 1966 ein Schadensersatzanspruch von Fanny Kellers katholischer Mutter für den Besitz ihrer Tochter größtenteils abgelehnt wurde. Begründung: Weil Fanny Keller vor ihrer Deportation im Lager Fort IV Müngersdorf gemeldet war, könne man „höchstens von einer >Resthabe< ausgehen.“

So entwickelt Barth nicht nur eine spannende Biografie. Sie breitet gleichzeitig ein detailreiches Bild über das Köln unter der Nazi-Diktatur und das Verhalten seiner „deutschen“ Bürgerinnen und Bürger aus, das – über das Nachwort – bis weit in die Bundesrepublik hineinreicht.

Marina Barth: „Lumpenball – Historischer Roman“ – emons Verlag, Köln 2017. 239 Seiten, 11,90 Euro

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