Köln | Klaus Gerrit Friese, zuerst Kunstverleger, dann Galerist, gehört zu den bekannteren Figuren der deutschen Kunstszene. Das hängt mit seiner Galerie zusammen, die zuerst in Stuttgart, seit 2015 in Berlin beheimatet ist, vor allem aber mit seiner Rolle an der Spitze des Bundesverbands Deutscher Galerien. Friese ist auch Vorsitzender des Trägervereins des Zentralarchivs für deutsche und internationale Kunstmarktforschung (ZADIK) in Köln.

Die Art Cologne 2020 ist abgesagt. Sie kommen trotzdem nach Köln. Was soll das werden?

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Wir wollten unabhängig davon, ob die Messe stattfindet, im Rheinland präsent sein. Mit Christoph Eiting und seinen Räumen haben wir den perfekten Kooperationspartner gefunden: er zeigt eine beeindruckende Auswahl seiner Vintage-Möbel und wir können auf 200qm2 mehr zeigen, als es auf einem Messestand je möglich gewesen wäre – und wir können unter den veränderten Bedingungen in Ruhe mit Sammlern und Interessierten reden. Das ist ein Modell, über dessen weitere Entwicklung ich gerne weiter nachdenken möchte.

Trotz steigender Corona-Zahlen hat das Art Cologne-Management bis zuletzt an dem (vom Frühjahr auf den November verschobenen) Messetermin für die Art Cologne 2020 festgehalten. War das nun verrückt oder wagemutig?

Das ist schwer zu beurteilen. Die Messe hat nach bestem Wissen gehandelt, es wäre gut gewesen, eine Art Cologne im Jahr 2020 zu haben. Das geht nun leider nicht, was sicher alle bedauern.

Die meisten Galerien machen einen beträchtlichen Teil ihres Jahresumsatzes auf Kunstmessen. Fast alle wichtigen Kunstmessen weltweit, die Art Cologne, die Art Basel in Basel, Miami und Hong Kong, und viele weitere konnten nun in diesem Jahr nicht stattfinden. Wie groß sind die Einbußen für die Galerien?

Es ist schwer, das prozentual auszudrücken. Wir alle wissen aber auch: Messen kosten unfassbar viel Geld, Zeit dazu: vielleicht werden wir durch das Virus gezwungen, andere Formen der Vermittlung zu erproben, die ökonomisch auch erfolgreich sein können.

Es gibt wilde Spekulationen, dass die ein oder andere Galerie das Corona-Jahr 2020 nicht überleben wird. Realistisch oder übertrieben?

Wir sind Teil der Kulturwirtschaft, die in diesem Jahr sehr gebeutelt wird. Das ist keine wilde Spekulation, sondern Realität: das führt nicht nur in unserem Bereich zu Einschnitten.

Galerien, die nicht verkaufen (können), bedeutet auch, dass die Künstler kaum Einnahmen haben. Wie schlimm steht es um die Künstler?

Wir kennen alle die Hilferufe der Künstler. Die gibt es, weil es die Probleme gibt. Ich wünschte, man könnte sie lösen.

In Berlin findet auf Initiative des Privatsammlers Christian Boros im legendären, Coronamäßig geschlossenen Techno-Club Berghain eine Ausstellung („Studio Berlin“ mit aktuellen Arbeiten von in Berlin arbeitenden Künstlern statt. Wäre das auch ein Modell für Köln und das Rheinland?

Schaut man’s genau an, hat man bei der Boros-Sache diese Struktur: große Location, große Namen, große Ausstellung, viel Geld vom Senat: so sahen die Sachen eben aus. Das ist insofern modellhaft für das Vor-Corona-Alter. Jetzt sollte uns was anderes einfallen.

Was halten Sie von Digitalformaten, mit denen Kunstmessen, Auktionshäuser und auch einzelne Galerien experimentieren?

Das Digitale ist so unausweichlich wie nicht genau erprobt und durchdacht. Wir haben den anderen Weg beschritten: Briefe schreiben, telefonieren, wenn die Sammler es wollten, und als weiteren Weg: fünf Tage in Köln, um unsere Sachen dort zu zeigen, wo auch unsere Sammler sind, in ungewohnten Kontexten.

Sie sind 2015 mit Ihrer Galerie von Stuttgart nach Berlin gegangen, wie so viele andere Galeristen auch. Rückblickend betrachtet die richtige Entscheidung?

Ja, das hat viel möglich gemacht. Wollte ich’s in einem Satz fassen: die Art und Weise der Aufmerksamkeit, ja der Zuneigung und Wahrnehmung ist so nur in Berlin möglich.

In keiner deutschen Stadt gibt es so viele Galerien wie in Berlin. Trotzdem scheint es den Berliner Galerien nicht zu gelingen einen gemeinsamen Auftritt, gemeinsames Marketing, eine gemeinsame Interessenvertretung auch gegenüber der Politik hinzubekommen. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Das ist ja kein Berliner Phänomen, das habe ich im Ehrenamt für die Galerie-Verbände arbeitend erfahren, wie schwer es ist, Solidarität der Marktteilnehmer herzustellen. Im Moment scheint sich das angesichts der komplexen wirtschaftlichen Situation etwas zu drehen. Galerien werden aufmerksamer für das Gemeinsame, das sie nur zusammen vertreten können – dafür ist es nie zu spät.

In Berlin gab es mit der ART BERLIN eine eigene Kunstmesse, die erst von der ART COLOGNE übernommen, dann eingestellt wurde. Wurde da eine unliebsame Konkurrenz gekillt?

Nein. Aber: ich glaube fest, dass Berlin eine gute Kunstmesse verdient hätte, dass es jede Anstrengung lohnt, hier eine Messe zu etablieren. Dass in Berlin eine Messe nicht stattfindet, kann aus meiner Sicht nicht das letzte Wort sein.

Sie sind auch Vorsitzender des Trägervereins des Zentralarchivs für deutsche und internationale Kunstmarktforschung (ZADIK) in Köln. Da gab es jüngst einige personelle und auch institutionelle Änderungen. Wie sehen Sie die Zukunft des ZADIK?

Das ZADIK ist finanziell und institutionell gesichert, mit einer neuen Leitung ausgestattet nun zukunftsfähig, sozusagen für immer. Das macht mich glücklich: jetzt kann Kunstmarktforschung auf Dauer im angemessenen Rahmen gestaltet werden. Dies wird ein Feld erschließen, das die kulturelle Bedeutung der Arbeit von Galerien aufs Beste sichtbar machen wird.

Zum Abschluss: Die Art Cologne findet nicht statt, aber Kunstbücher sind vielleicht eine Alternative. Wollen Sie eines empfehlen?

William N. Copley. Selected Writings.

Verlag der Buchhandlung Walther König

Der Maler Copley, der als Kriegsberichterstatter begann, der engste Freundschaften zu den Künstlern seiner Zeit unterhielt, und einen freien, unbändig neugierigen Geist hatte, der sich artikulieren konnte: das ist vergnüglich belehrend, unfassbar gut.

Autor: Interview: Christoph Mohr

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