Kultur Literatur

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Herta Müller und Henriette Reker

Plädoyer für Menschen auf der Flucht – Herta Müller erhält den Heinrich-Böll-Preis der Stadt

Köln | Es ist eine besondere Preisverleihung am Freitagabend in der Piazzetta des Historischen Rathauses. Das lag zum einen an einer außergewöhnlichen Schriftstellerin die geehrt wurde – Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller. Und es lag zum anderen an der Frau, die den Preis an diesem Abend übergab – die nach dem Messerattentat ins Rathaus zurückgekehrte neue Oberbürgermeisterin Henriette Reker.

„Ich bin glücklich, endlich wieder unter vielen Menschen sein zu dürfen“, sagt die Gastgeberin vor ihrer ersten Amtshandlung als OB. Dieser Auftakt sei auch ein Bekenntnis zur Seele dieser Stadt, der Kultur. Vergessen will sie das, was man ihr angetan hat, nicht: „Denn man kann und darf im Kopf nicht verdrängen die Spuren des Hasses und des Fanatismus, wie er sich des Körpers bemächtigt und die Hand missbraucht, bereit zur Brutalität und Verletzung – geschehen noch viel schlimmer vor genau einer Woche in Paris.“

An den Büchern Herta Müllers und denen von Heinreich Böll schätzt Reker besonders deren Sensibilität und Detailgenauigkeit. „Das hat beide davor bewahrt, ihre Wahrheiten in die Aufklärungs-Klischees zu pressen. Ja, Herta Müllers Literatur ist für uns alle verfügbar. Aber nicht allzu leicht.“

Die Schriftstellerin eröffnete ihre Dankesrede mit scharfer Kritik an den „Spaziergängern“ von Dresden, die von Demagogen angeführt würden. „Wenn Worte wie Volksverräter und Lügenpresse lang genug spazieren gehen, geht auch mal ein Messer spazieren.“ Müller zeigte sich enttäuscht, dass nach dem Attentat die Wahlbeteiligung in Köln so gering war.

Den Schwerpunkt ihrer Rede legte die Preisträgerin auf die Situation der Flüchtlinge in Deutschland und Europa: „Krieg ist ein politischer Feind, und Kriegsflüchtlinge sind politisch verfolgt, und jeder einzelne braucht Schutz.“ Dieser Schutz könne nicht begrenzt werden, nur weil ihn so viele brauchen.

Dabei hat sie in ihrem Geburtsland Rumänien Flucht und Diktatur am eigenen Leib schmerzvoll erfahren müssen – ein Land in dem Tausende „ihr halbes Leben im Konjunktiv der Flucht“ verbracht haben. Flucht habe nichts mit Aggression zu tun, sagt Müller und verurteilt Redewendungen, die von Lawinen und Invasion sprechen. „Flucht ist in jeder Einzelheit, aus der sie besteht, defensiv.“

Das heutig Deutschland seine Heimweh-Heimat geworden. „Nicht nur für uns, die wir hier leben. Auch für Menschen, die aus Diktatur und Krieg fliehen müssen. Die haben Heimweh nach Frieden und Sicherheit. Und weil Deutschland ihnen das bieten kann, haben sie Heimweh nach Deutschland. Zu Tausenden haben sie dasselbe Heimweh, das Osteuropäer in meinem Alter sogar ohne Krieg noch gut kennen – Heimweh nach Zukunft.“

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