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Wolfgang Niedecken: „Mit einem Virus kann man nicht diskutieren“

Köln | Wolfgang Niedecken spricht im Interview über die Corona-Krise und die Folgen für die Kulturschaffenden.

Wie erleben Sie gerade Köln?

Wolfgang Niedecken: Ich wage mich derzeit nicht oft raus auf die Straße. Seit dem Shutdown bin ich maximal einmal am Tag für eine Stunde mit dem Hund im Stadtwald unterwegs. Ansonsten bin ich nicht groß in Erscheinung getreten, da ich ja in meinem Alter und mit dem Schlaganfall zur Risikogruppe gehöre. Von daher nehme ich die Abstandsregeln auch sehr ernst. Aber ich vermisse nichts und es fehlt mir in unserem Haus und dem Garten auch an nichts. Ich kann mich nicht beklagen, aber wenn ich ab und zu mit dem Auto unterwegs bin, erlebe ich ein Stadtbild, als ob es den Virus nie gegeben hätte. Es macht mir Angst, dass viele Leute die Situation nicht mehr richtig ernst nehmen und ich habe deshalb die Sorge, dass eine zweite, verheerendere Welle auf uns zukommen könnte.

Hat die Krise auch direkte Folgen für Sie als Musiker gehabt?

Niedecken: Mit BAP waren 2020 keine Konzerte geplant. Ich wollte nur etwa zehn kleinere Auftritte mit einem befreundetem Pianisten bei Liederfestivals oder auch bei der abgesagten Lit.Cologne machen. Vom neuen Album haben wir schon drei Songs veröffentlicht. In Gänze wird es am 18. September erscheinen. Mit den Aufnahmen hatten wir im vergangenen August, direkt nach der Tour begonnen und zwar in Dresden und in Hamburg. Ich bin total glücklich damit und denke, es wird den Leuten gefallen. Aber natürlich muss man sich fragen, wer heute in Spotify-Zeiten überhaupt noch Tonträger kauft. Wir leben von unseren Touren.

Wann wird es wieder große Konzerte geben können?

Niedecken: Ich sehe da noch keinen Silberstreif am Horizont. Wir werden als Musiker wohl die letzten sein, die wieder ohne Einschränkungen ihrer Arbeit nachgehen können. Veranstaltungen in großen Hallen sind in der Krise nicht möglich und es macht wirtschaftlich überhaupt keinen Sinn, in einer Halle mit einer Kapazität für 2000 Leute vor nur 600 zu spielen, dann müssten wir Geld mitbringen. Für die Branche hat das heftige Folgen. Viele Beteiligte, wie Veranstalter, P.A.-Verleiher, Truck- oder Nightliner-Vermieter und Hallenbetreiber werden vielleicht pleitegehen. Das ist bitter. Wir haben deshalb wenigstens mal die Crew-Aid-Aktion ins Leben gerufen: Wir verkaufen T-Shirts mit dem Motiv des Atlas aus der griechischen Mythologie, der diesmal anstatt der Welt, eine Bass-Drum schultert. Der Erlös geht an die Härtefälle in unserer Crew. Da gibt es Techniker, die kleine Kinder haben und deren Frauen nicht berufstätig sind. Denen fehlt jetzt das Geld zum Leben. Die Aktion ist gut angelaufen, aber auf Dauer wird das auch nicht die Lösung sein.

Wäre eine kleine Besetzung für Sie bei der Band denkbar?

Niedecken: Gerade jetzt will ich nicht mit einer kleinen Besetzung live spielen, weil wir das Album mit einer großen aufgenommen haben. Man kann jetzt nicht einfach die Bläser weglassen. Die würden berechtigterweise von den Fans vermisst werden. Ich will aber auch nicht einfach die Gagen für die Musiker kürzen, um jetzt Angebote mit kleinem Publikum anzunehmen. Es ist ein Dilemma. Mal schauen, wie lang wir das durchhalten können.

Wie wichtig ist Kultur und speziell Musik in Krisenzeiten?

Niedecken: Kultur bietet unserer Gesellschaft eine Orientierung und Zusammenhalt. Gerade bei Musik kann man Kraft tanken und bekommt die Power, um mit der schwierigen Situation umzugehen. Das ist übrigens das, was BAP seit jeher ausmacht. Auf der Bühne entwickelt sich eine Energie, die ins Publikum geht und die von dort wieder zu uns zurückkommt.

Was denken Sie, wenn Sie jetzt die Demos gegen die Corona-Maßnahmen erleben?

Niedecken: Die haben sie nicht mehr alle! Jetzt sollten die Menschen doch wirklich alle an einem Strang ziehen. Mir hat imponiert, dass Politiker ihre Parteipolitik zu Beginn der Krise draußen gelassen haben, um gemeinsam Lösungen zu finden. Jetzt passieren wieder merkwürdige Dinge und einige scheren aus. Aluhüte hat es übrigens immer gegeben, von denen sollten sich die Menschen jetzt nicht auseinander dividieren lassen. Was passiert, wenn man mit absurden Theorien die Pandemie verleugnet, sieht man gerade in Brasilien. Auch in Schweden ist der Plan nicht aufgegangen. Sie haben sehr hohe Todesraten mit ihrem eigenem Weg aus der Krise zu beklagen. Manche Leute tun so, als ob man mit einem Virus diskutieren könnte, aber das ist völlig hirnverbrannt.

Gemeinsamkeit gibt es gerade nach dem Mord an George Floyd in den USA?

Niedecken: Dass die Menschen jetzt gemeinsam gegen Rassismus auf die Straße gehen ist wunderbar, aber bitte nur mit Maske und Abstand. Sonst wird es leider gefährlich. Aber es ist natürlich gut, dass sich junge Menschen wieder engagieren. Das hat mir schon bei „Fridays for Future“ gefallen. Da ist wieder etwas entstanden, was man jahrelang nicht für möglich gehalten hätte.

Welche Folgen haben Politiker wie Trump oder Bolsonaro für unsere Welt?

Niedecken: Solche Präsidenten sorgen dafür, dass nach und nach das Urvertrauen in die Demokratie versiegt. Brasilien ist auf dem Weg in den Faschismus und Trump will autokratisch regieren. Der wird künftig noch viel gewalttätiger gegen Demonstranten vorgehen. Es ist absolut geschmacklos sich von Polizisten mit Tränengas und Gummigeschossen durch Demonstranten prügeln lassen, nur um vor einer Kirche eine Bibel verkehrt herum in die Kameras zu halten. Ein Zyniker sondergleichen.

Was macht Ihnen im Moment trotzdem Hoffnung?

Niedecken: Ich bin während der Krise gleich zweimal Großvater geworden. Unsere Tochter Isis kam zur Geburt extra einen Monat vorher von Berlin nach Köln und konnte dann wegen des Shutdowns nicht mehr nach Hause. So haben wir mit ihr und unserem Enkel Noah drei idyllische Monate zu Hause verbracht. Dass mein Sohn Robin eine Woche zuvor ebenfalls Vater geworden ist, hat die Freude noch verdoppelt.

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